Dr. Dr. Peter R. Lipsett
Wege zur Transzendenzerfahrung
Zentrale Inhalte der Taschenbuchausgabe (Münsterschwarzach 1992)
in aktualisierter Fassung 2010 zusammengefasst von Dr. J. Flender
Übersicht: Textstruktur und Textmodule
Zielsetzung
Die vorliegende Arbeit fragt nach Voraussetzungen von Transzendenzerfahrung: Was sind die Bedingungen dafür, dass Transzendenzerfahrung möglich wird? In einem kultur- und religionsübergreifenden Vergleich wird die zentrale Hypothese geprüft, dass Transzendenzerfahrung in sämtlichen spirituellen Schulungswegen einen bestimmten Bewusstseinsprozess voraussetzt, der zunächst durchlaufen werden muss, bevor überhaupt Transzendenzerfahrung möglich wird (Konvergenzhypothese).
"Transzendenzerfahrung"
Als Transzendenzerfahrung lässt sich eine
Erfahrung bezeichnen, die nicht aus dem Wahrnehmungsbereich der fünf
Sinne stammt und auch kein Produkt menschlicher Phantasie- oder Verstandestätigkeit
ist. Dabei kann unterschieden werden zwischen Erfahrungen relativer und
absoluter Transzendenz.
Relative Transzendenz wird unter anderem in Phänomenen
außersinnlicher Wahrnehmung erfahren, also beispielsweise in Telepathie
oder Präkognition, die beide weder der Sphäre des menschlichen
Alltagsbewußtseins noch der absoluten Transzendenz entspringen.
Absolute Transzendenz weist auf die gleiche Realität
hin wie die Begriffe Gottheit, das Ganz Andere oder das Eine ohne ein Zweites.
Untersuchungsgegenstand
Transzendenzerfahrungen sind in einer solch großen
historischen und kulturellen Variabilität interpretiert worden, dass
theoretische Sätze über das "Wesen" solcher Erfahrungen kaum
möglich sind. Sinnvoller erscheint es stattdessen, diejenigen Bedingungen
näher zu bestimmen, die erfüllt sein müssen, damit Transzendenzerfahrungen
möglich werden. Entsprechend diesem (neueren) Ansatz konzentriert
sich die vorliegende Arbeit auf handlungsanleitende Sätze, d.h. auf
praktische, prinzipiell überprüfbare Schritte, die zur Transzendenz-erfahrung
hinführen (ohne diese zweckhaft verfügbar zu machen).
Hinweis: Anmerkungen zu physiologischen, emotionalen
und kognitiven Wirkungen der praktischen Schritte finden sich in der Originalarbeit
(s. Literaturtip), die in diesem Zusammenhang auch auf weitere Glieder
des Yoga-Pfades sowie auf die "unio mystica" und deren Äquivalente
in östlichen Wegen eingeht.
Zentrale Hypothese (Konvergenzhypothese)
Die zentrale Hypothese (Konvergenzhypothese) lautet: Kultur- und religionsübergreifend konvergieren sämtliche Wege spiritueller Schulung (hier: Yoga, Zen, Taoismus und christliche Mystik) dahingehend, dass ein ganz spezifischer Bewusstseinsprozess ablaufen muss, damit Transzendenzerfahrungen möglich werden. Dieser Bewusstseinsprozess hat im Laufe der Geschichte eine Vielfalt von begrifflichen Kennzeichnungen erfahren; wie etwa Bewusstseinsleere, reines Bewusstsein, Kontemplation, inneres Schweigen oder auch geistliche Armut. In dieser Arbeit wird - zur Betonung des Prozesscharakters - die Bezeichnung Bewusstseins-öffnung gewählt. Nach dieser Auffassung lässt sich Transzendenzerfahrung prozedural als diejenige Erfahrung definieren, die sich in der Folge einer vollständigen Öffnung des Bewusstseins einstellt.
Bewusstseins-öffnung
Auf der Stufe der Bewusstseins-öffnung richtet
sich die Aufmerksamkeit auf
keinen spezifischen Bewusstseinsinhalt.
Bewusstseins-öffnung: Erläuterung
Bewusstseins-öffnung soll per definitionem dann vorliegen, wenn der Übende seine Aufmerksamkeit auf kein bestimmtes Objekt richtet. Dies ist dann der Fall, wenn der Übende seine Aufmerksamkeit hellwach hält, sie jedoch weder auf einen Gegenstand oder Vorgang der Aussenwelt (einschliesslich eigener Aktivitäten) richtet, noch auf einen inneren psycho-mentalen Gegenstand oder Vorgang (wie beispielsweise Fühlen, Wünschen, Wollen, Wahrnehmen, Vorstellen, Erinnern oder Denken). Das geöffnete Bewusstsein ist auf keinen spezifischen Bewusstseinsinhalt gelenkt, also auf "Nichts" im Sinne von "Nicht-Etwas", "nicht auf etwas". Diese Fähigkeit, die Aufmerksamkeit von allen Objekten losgelöst zu halten, besitzt nur derjenige, der in hohem Maße den Prozess bewusster Zuwendung steuern kann.
Bewusstseins-öffnung: bildhafter Vergleich und Beispiel
In einem bildhaften Vergleich lässt sich die Aufmerksamkeitssteuerung mit dem Autofahren vergleichen: Nur der beherrscht das Autofahren, der das Fahrzeug nicht nur in Gang setzen (anfahren) und seinen Verlauf bestimmen (lenken) kann, sondern es auch anhalten (stoppen) kann. In gleicher Weise beherrscht nur der seine Aufmerksamkeit (und damit auch sein Denken) ganz, der es auch lassen kann, also auch nicht-denken kann.
Beispiel Galeriebesuch: Ein Galeriebesuch kann zu einer Übung der Bewusstseins-öffnung werden, wenn der Übende über die Stufe der Bewusstseins-sammlung hinausgeht und damit seine Aufmerksamkeit auch vom letzten spezifischen Wahrnehmungsobjekt löst, z.B. von einem intensiv wahrgenommenen Farbton oder von dem ganzheitlichen Eindruck eines Gemäldes oder Raumes.
Bewusstseins-öffnung: Schwierigkeiten
Dem Ungeübten kann es zunächst als nahezu unmöglich erscheinen, nicht zu denken. Und doch postulieren spirituelle Schulungswege genau dies als Voraussetzung für Transzendenzerfahrungen: Das einmal in Gang gesetzte und selbsttätig weiterlaufende Fahrzeug unseres Verstandes muss angehalten werden können. Eine solche Bewusstseins-öffnung gelingt tatsächlich nur wenigen Erfahrungssuchenden auf Anhieb. Die meisten müssen die Vorstufe der Bewusstseins-sammlung durchlaufen.
Bewusstseins-sammlung
Auf der Stufe der Bewusstseins-sammlung richtet
sich die Aufmerksamkeit auf
einen ausschließlichen Bewusstseinsinhalt.
Bewusstseins-sammlung: Erläuterung
Auf der Stufe der Bewusstseins-sammlung übt derjenige, dem die (übergeordnete) Bewusstseins-öffnung (also die Loslösung der Aufmerksamkeit von spezifischen Inhalten) noch nicht gelingt. Dabei richtet der Übende seine Aufmerksamkeit auf einen ausschließlichen Bewusstseinsinhalt. Auf diese Weise schließt er zwar nicht alle spezifischen Bewusstseinsinhalte aus dem Feld seiner Aufmerksamkeit aus, aber zumindest doch alle Inhalte bis auf einen.
Bewusstseins-sammlung: Beispiel
Beispiel Galeriebesuch: Die Betrachtung eines Gemäldes kann zu einer Übung der Bewusstseins-sammlung werden, wenn der Betrachter ein einziges Merkmal des betreffenden Gemäldes (beispielsweise einen Farbton) fixiert und dabei seine Aufmerksamkeit so ausschließlich auf dieses Merkmal richtet, dass dieses Merkmal zum ausschließlichen Bewusstseinsinhalt wird.
Bewusstseins-sammlung: Übergang zur Bewusstseins-öffnung
Der Übergang zur übergeordneten Stufe der Bewusstseins-öffnung kann dadurch erfolgen, dass der Übende seine Aufmerksamkeit auch noch vom letzten Wahrnehmungsobjekt löst. Dieser Übergang kann auch unwillkürlich geschehen, was aber zumeist erst nach längerer Übungsdauer gelingt.
Bewusstseins-kontinuierung
Auf der Stufe der Bewusstseins-kontinuierung richtet sich die Aufmerksamkeit auf kontinuierlich wandelnde Bewusstseinsinhalte.
Bewusstseins-kontinuierung: Erläuterung
Auf der Stufe der Bewusstseins-kontinuierung übt derjenige, dem die (übergeordnete) Bewusstseins-sammlung (also die Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf einen ausschließlichen Inhalt) noch nicht gelingt. Dabei richtet der Übende seine Aufmerksamkeit auf eine kontinuierliche Abfolge ausgewählter Bewusstseinsinhalte. Im Unterschied zur (übergeordneten) Stufe der Bewusstseins-sammlung wandelt sich dabei das Objekt der Aufmerksamkeit kontinuierlich, d.h. es entsteht ein Kontinuum von bewusst und ununterbrochen vollzogenen Übergängen von einem Bewusstseinsinhalt zum anderen. - Bewusstseins-kontinuierung ist nicht auf kognitive Prozesse ("Konzentrationsübungen") beschränkt; sie kann ebenso auf emotionale Prozesse gerichtet sein oder auch in einem vollbewusst vollzogenen Tun (z.B. Bewegung, Singen, Gestalten) zum Ausdruck kommen.
Bewusstseins-kontinuierung: Beispiel
Beispiel Galeriebesuch: Die Betrachtung eines
Gemäldes kann zu einer Übung der Bewusstseins-kontinuierung werden,
wenn der Betrachter ohne Unterbrechung (kontinuierlich) unterschiedliche
Merkmale des betreffenden Gemäldes in einer bewussten Abfolge betrachtet,
wenn er sich also beispielsweise zunächst den Farben zuwendet, danach
den Formen usw.
In der Tendai-Schule des chinesischen Buddhismus
wird eine Übung praktiziert, bei der der Übende seine Aufmerksamkeit
in kontinuierlichem Wechsel auf seine Nasenspitze einerseits und - nach
einem bewusst vollzogenen Übergang - auf die Polarität und Unwirklichkeit
aller Dinge andererseits richtet.
Bewusstseins-kontinuierung: Übergang zur Bewusstseins-sammlung
Der Übergang zur übergeordneten Stufe
der Bewusstseins-sammlung kann dadurch erfolgen, dass der Übende nach
und nach die Anzahl wandelnder Bewusstseinsinhalte reduziert, bis sich
seine Aufmerksamkeit schließlich nur noch auf einen Inhalt richtet
(Bewusstseins-sammlung). Dieser Übergang kann auch unwillkürlich
erfolgen, was jedoch zumeist erst nach längerer Übungsdauer gelingt.
Ein historisches Beispiel für den Übergang
von der Bewusstseins-sammlung zur Bewusstseins-einung schildert Theresa
von Avila, die beim betrachtenden Beten des Vaterunsers immer länger
bei einzelnen Worten verweilte (Bewusstseins-kontinuierung) und schließlich
bei einem einzelnen Wort haften blieb (Bewusstseins-sammlung).
Bewusstseins-disponierung
Auf der Stufe der Bewusstseins-disponierung richtet sich die Aufmerksamkeit auf diskontinuierlich wechselnde Bewusstseinsinhalte.
Bewusstseins-disponierung: Erläuterung
Auf der Stufe der Bewusstseins-disponierung übt derjenige, dem die (übergeordnete) Bewusstseins-kontinuierung (also die ununterbrochene Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf kontinuierlich wandelnde Inhalte) noch nicht gelingt. Unter diesen Umständen richtet der Übende seine Aufmerksamkeit in stetig neuen Anläufen auf diskontinuierlich wechselnde Objekte; bei diesen Übungselementen handelt es sich häufig um Maßnahmen zum Abbau übungshinderlicher Blocka-den (in Form von starren Denk-, Verhaltens- und Erlebensmustern). Maßnahmen sind (a) Seelsorge / Psychotherapie, (b) spirituelle Führung durch einen persönlichen Lehrer (Meister, Guru, Spiritual), (c) Befolgung eines normativen Handlungskodexes (Laster meiden, Tugenden üben), (4) absichtsvolles Durchbrechen alter / Einüben neuer Handlungsgewohnheiten sowie (5) Aneignung von Wissen.
Bewusstseins-disponierung: Beispiele
Beispiel Galeriebesuch: Die Betrachtung eines Gemäldes kann zu einer Übung der Bewusstseins-disponierung werden, wenn der Betrachter seine Aufmerksam-keit mit Unterbrechungen (diskontinuierlich) auf unterschiedliche Merkmale des betreffenden Gemäldes bzw. auf weitere Maßnahmen richtet, die ihm die kontinu-ierliche Betrachtung des Gemäldes erleichtern. Vorstellbar ist beispielsweise ein alltagsgestresster Galeriebesucher, der den persönlichen Zugang zu einem komplexen Gemälde sucht. Dieser Betrachter könnte sich kurz den Farben des Gemäldes zuwenden, danach den Ausstellungskatalog studieren, anschließend zur Entspannung in die Cafeteria gehen, eine Kunstkennerin konsultieren und schließlich erneut zum Gemälde zurückkehren, um die Formen zu betrachten.
Bewusstseins-disponierung: Übergang zur Bewusstseins-kontinuierung
Der Übergang zur übergeordneten Stufe der Bewusstseins-kontinuierung kann dadurch erfolgen, dass der Übende die Anzahl der Unterbrechungen zwischen Übungselementen reduziert und auf diese Weise nach und nach den Zeitraum verlängert, in dem er sich kontinuierlich einer Abfolge von Wahrnehmungsobjekten zuwenden kann.
Christliche Mystik
In Ägypten bildete sich in den frühen nachchristlichen Jahrhunderten die spirituelle Tradition der Mönchsväter. Als Begründer und leuchtendes Vorbild dieser Tradition gilt der Heilige Antonius (gestorben 356). Die Mönchsväter lebten asketisch in entlegenen Wüstengebieten ("Wüstenväter") und vermittelten dort vielen Generationen ihr Wissen über den Weg zur Vollkommenheit; zentral für diesen Weg ist das kontemplative Verweilen in der Ruhe. Für diesen spirituellen Weg gaben die Wüstenväter zahlreiche konkrete Handlungsanweisungen, die über den Mönch Johannes Cassian (etwa 360 - 430) und den Ordensgründer Benedikt von Nursia (480 - ca. 555) nach Westeuropa gelangten und dort dauerhaft zur üblichen Praxis der Mönche wurden. Auch die deutschen Mystikern späterer Jahrhunderte (z.B. Meister Eckehart, H. Seuse und J. Tauler) setzten die Regeln der Wüstenväter als bekannt voraus und schätzten sie als vorbereitende Methoden auf dem spirituellen Weg.
Rückzug und regelhaftes Leben
Eine Rahmenbedingung für die Sammlung des Bewusstseins besteht darin, das Bewusstsein an Regelhaftigkeiten zu gewöhnen. Dies erfordert nach Ansicht der Mönchsväter den Rückzug aus der Betriebsamkeit der Welt in die Einsamkeit einer Einsiedelei (als Eremit) oder einer klösterlichen Gemeinschaft. Unter diesen Bedingungen ist es möglich, bestimmte Zeiten für das Gebet und für fast alle wesentlichen Lebensvollzüge festzulegen und so eine Rhythmisierung des Tagesablaufs zu erreichen. Durch Nachtwachen kann der Grundrhythmus von Wachen und Schlafen neu organisiert und dadurch bewusst erlebt werden. Gleichförmige Arbeit, wie beispielsweise das von den Wüstenvätern geschätzte Seil- und Körbeflechten, kann eine meditative Lebenshaltung weiter vertiefen.
Tugenden üben, Laster meiden
Das Ausüben von Tugenden und das Vermeiden
von Lastern geschieht mit dem Ziel, das Bewusstsein zu sammeln. Dabei sollen
die psychischen Eigendynamiken (Zwänge) überwunden werden, die
mit den Lastern verbunden sind und die eine Sammlung des Bewusstseins behindern.
Die acht Hauptlaster sind nach Johannes Cassian:
1. Völlerei, 2. Unzucht, 3. Habgier, 4. Zorn, 5. Trübsinn, 6.
Trägheit, 7. Ruhmsucht sowie 8. Hochmut. Diesen
Lastern entsprechen die folgenden acht Tugenden: 1. Maßvolles Essen
und Fasten, 2. Keuschheit, 3. Armut, 4. Sanftmut (Besonnenheit), 5. Heiterkeit,
6. Muthaftigkeit / Enthusiasmus, 7. Gehorsam / Bescheidenheit sowie 8.
Demut, Glaube, Liebe, Hoffnung, Gerechtigkeit und Klugheit.
Studium, Belehrung, Discretio
Unwissen, Irrtümer, Desinteresse und Vorurteile
bezüglich des spirituellen Wegs müssen für die Sammlung
des Bewusstseins überwunden werden. Zu den entsprechenden Maßnahmen
gehört das Studium, also die geistige Aneignung der Heiligen Schrift
und weiterer Schriften, beispielsweise von Schriften über das Leben
von Heiligen.
Die gleiche Funktion wie das Studium erfüllt
die Belehrung durch ein gelebtes Vorbild oder durch die mündlich weitergegebene
Tradition.
Als ein weiteres Mittel nutzten die Mönchsväter
die Gabe der Discretio, die sich auf die geschulte Unterscheidung von Gut
und Böse bezieht. Die Discretio beinhaltet eine weise Maßhaltung,
die den Übenden einerseits vor übertriebenem Eifer (etwa bei
der Enthaltsamkeit) bewahrt, ihn aber andererseits auch vor Nachlässigkeit
und Erschlaffung schützt.
Gemeinsames Psalmensingen
Beim gemeinsamen Psalmensingen handelt es sich um ein Mittel der Bewusstseinsschulung, das bereits von den Mönchsvätern empfohlen wird. Wie ein alter Meister ausführt, kommt es beim gemeinsamen Psalmensingen darauf an, "die Seele ... mitschwingen (zu) lassen ... im betonten Rhythmus der Melodie." Dies bedeutet, dass die Aufmerksamkeit zwar (schon) beim Singen bleibt, jedoch (noch) den Veränderungen (des Texts und der Melodie) folgt.
Ikonenmalerei
Die Ikonenmalerei stellt einen Weg der Bewusstseins-Ausrichtung dar. Sie entwickelte sich in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten und wird bis heute auf dem heiligen Berg Athos gepflegt. Die Ikonenmalerei gilt als kultische Handlung und folgt strengen Regeln der Ausführung, auf die sich der Malermönch durch Beten, Fasten und priesterlicher Segnung vorbereitet. Der Malvorgang selbst wird dann in einem Akt höchster Bewusstheit vollzogen.
Formen von Gebet und Betrachtung
In verschiedenen Formen von Gebet und Betrachtung
wird die Aufmerksamkeit auf eigene Gefühle, Wünsche oder Gedanken
gerichtet.
Gefühle stehen im Mittelpunkt von Lob- und
Dankgebeten, sowie darüber hinaus in der sogenannten "empathischen
Betrachtung", bei der der Übende sich beispielsweise in Stationen
des Kreuzweges versenkt, um so zu entsprechenden Gefühlen (z.B. des
Mit-Leidens) zu gelangen.
Intensive Wünsche bilden den Kern von Bittgebeten.
Gedanken sind zentral für solche Gebete,
in denen der Betende die persönliche Zwiesprache mit Gott sucht oder
- wie in der sogenannten "geistlichen Betrachtung" - seine Gedanken auf
Stellen der heiligen Schrift (oder auf das Leben von Heiligen oder auf
Eigenschaften Gottes) richtet.
Ikonenmeditation
Besonders im Bereich der Ostkirche ist die meditative Betrachtung von Ikonen eine verbreitete Praxis. Auf Ikonen ist häufig das Abbild Christi dargestellt. Die Versenkung in dieses sinnlich wahrnehmbare Abbild Christi lenkt das Bewusstsein des Betenden ausschließlich auf das Bild. Die auf Ikonen häufig überproportional dargestellten Augen tragen durch ihre hypnotisierende Wirkung zu einer Fixierung der Aufmerksamkeit bei.
Glutgebet
In der Tradition der Mönchsväter kann die Liebe zu Gott eine Intensität erreichen, die mit ekstatischen Erlebnissen verbunden ist. Im sogenannten "Glutgebet" werden alle sonstigen Affekte gebündelt, so dass nur noch das eine Gefühl der Liebe den Betenden erfüllt: Aus dem innersten Wesen sprudelt das Glutgebet "ekstatisch wie aus einem übervollen Born von Empfindungen, alle Affekte zusammenfassend, ohne Worte zu Gott empor" (Cassian).
Leitformel-Gebet
Das Leitformel-Gebet stellt eine Methode der Mönchsväter dar, bei der die Aufmerksamkeit auf ein einziges Wort (Leitwort) oder einen einzigen kurzen Vers (Leitvers) gelenkt wird. Gebräuchliche Leitworte waren vor allem "Jesus Christus", "Herr Jesus" oder "Jesus Christus, Sohn Gottes". Als Leitvers diente häufig die Anrufung: "Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner". Das Leitformel-Gebet beruht - genau wie die Mantrapraxis des Ostens - auf dem Prinzip, die Leitformel ständig zu wiederholen (wiederzukäuen) und auf diese Weise Ablenkungen erst gar nicht aufkommen zu lassen. Zu diesen Ablenkungen gehören auch etwaige Gedankengänge zum Sinn der Leitformel.
Reines Gebet (Kontemplation)
Beim reinen Gebet handelt es sich - negativ (ausgrenzend)
formuliert - um einen Zustand, bei dem die Aufmerksamkeit weder auf Emotionen,
noch auf Gedanken, Erinnerungen oder Vorstellungen gerichtet ist, das Bewusstsein
also losgelöst ist von jeglichen Emotionen, Gedanken, Erinnerungen
und Vorstellungen.
Das reine Gebet läßt sich - positiv
formuliert - als ein Zustand der Überwachheit oder der reinen Achtsamkeit
beschreiben. Dazu schreibt ein alter Meister erläuternd: "Achtsamkeit
ist die Ruhe des Geistes, das Stillwerden oder das Schweigen, das durch
Gottes Barmherzigkeit geschenkt wird." Gemeint ist ein "vollkommenes Schweigen",
das gerade nicht in einem Zustand tiefster Entspannung besteht, sondern
darin, "in einer äußerst gespannten Nüchternheit des Geistes
(zu) wachen, um den Augenblick zu spüren, in dem sich Gott uns nähert."